Hinschmeissen und weg

„Kennst du das nicht auch, dass du alles hinschmeissen und einfach nur weg willst?“ Diese Frage hat mir eine sehr gute Freundin kürzlich gestellt, nur um kurz darauf und als Reaktion auf mein angestrengt denkendes Gesicht (könnte natürlich auch eher nach dem Gesicht eines von schlimmen Verstopfungen geplagten Menschen ausgesehen haben) zu ergänzen: „Nein, du kennst das wirklich nicht, oder?“ Nein, ich kenne und kannte das, meines aktuellen Wissens und Erinnerns nach, wirklich nicht. Glücklicherweise, würde ich heute hinzufügen. Vielleicht denkt sich jetzt der oder die eine oder andere: „Du Langweiler! Du bist so festgefahren, du verpasst so viel im Leben. Abenteuer! Los! Jetzt!“ Es könnte aber auch der Gedanke sein: „Du Glücklicher! Du hast also keine Probleme. Wenn du welche hättest, würdest du dieses Gefühl kennen.“ Naja, ich würde mich selbst ehrlich gesagt nicht als Langweiler bezeichnen. Sicher auch nicht als Draufgänger vom Dienst (kleine Seitenfrage: Warum eigentlich Draufgänger? Worauf geht diese Person? Beziehungsweise, ‚Wo rauf‘ stimmt, glaube ich, eher. Oder heisst es so, weil diese Personen ein höheres Risiko haben, drauf zu gehen? Gäbe mehr Sinn. Dann bin ich froh, keiner zu sein. Egal, zurück zum eigentlichen Punkt…), aber damit bin ich absolut zufrieden. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich viel vom Leben verpasse. Andererseits kann ich auch nicht behaupten, dass ich keine Probleme hätte. Ich musste einige Dinge durchmachen, die mich prägen und an denen ich zum Teil auch heute noch ab und zu zu nagen habe. Nein, ich musste zum Glück keinen Missbrauch erleben oder um meine Familie trauern, die in einem sinnlosen Krieg starb. Und trotzdem, keine Probleme trifft auch nicht zu. Dann bleibt die Frage, warum kenne ich dieses Gefühl nicht? Es ist eine gute und berechtigte Frage. Das letzte Jahr war, beispielsweise, kein leichtes. Ich wusste nicht genau, wer ich eigentlich bin, was ich will oder wie ich alles meistern soll. Gerade im ersten Drittel des Jahres waren diese Gefühle omnipräsent und haben mich zum Teil ziemlich verzweifeln lassen. Hatte ich da dieses Gefühl vom Hinschmeissen und Wegwollen? Nein. Der Grund? Naja, was hätte es geändert? Nichts, nada, niente, nothing, absolut goarnix. Das war der simple Grund. Es hätte mir nicht geholfen. Vielleicht hätte es kurzfristig ein wenig Erleichterung gebracht. So lange, bis ich mich ein erstes Mal alleine gefühlt, meine Freund:innen (und ja, Küde, ich habe das gegendert! Fick dich von wegen Lesefluss! Du kannst ja nicht behaupten, dass dieser Doppelpunkt mehr stört, als die Anhäufung von Kommata [Kommas?] in diesem Text. Arschloch. Sorry, das musste kurz raus), meine Familie, mein vertrautes Umfeld vermisst hätte. Ich weiss nicht, ob mir hier einfach der romantische Blick fehlt. Dieses Bild von mir in einer kleinen Hütte an einem sonnigen Strand mit strahlend blauem Himmel, tiefblauem Meer und Kokosnuss in der Hand, ohne Sorgen, ohne Kummer (also ja, halt ausser mir, wegen Namen und so[höhöhö, Schenkelklopfer])1. Ich glaube eher, dass ich zu realistisch bin in dieser Hinsicht und bereits voraussehe, dass mir ein solches Leben sehr schnell langweilig werden würde. Und, dass damit meine Probleme mittel- bis langfristig nicht weg wären. Darum kommt mir also dieser Gedanke nicht, wenn es mir NICHT gut geht. Warum denn nicht, wenn es mir gut geht? Warum suche ich nicht dieses Abenteuer vom gänzlich Neuen, vom Unbekannten, vom Weltentdecken? Warum zieht es mich nicht in die Fremde für Monate, Jahre, ja, nächste Lebensabschnitte? Es liegt nicht in meinem Naturell. Ich brauche das nicht. Mit mangelndem Interesse hat das nichts zu tun. Da würde auch mein Youtubealgorithmus widersprechen. Ich bin sehr wohl an anderen Kulturen, Ländern, Menschen und Geschichten interessiert. Muss ich sie alle hautnah miterlebt haben, ein Teil davon sein, stets unterwegs und rastlos sein? Nein. Ich brauche meinen sicheren Hafen, ich brauche ein Zuhause, ich brauche mir Vertrautes. Ich brauche die Menschen, die ich liebe, um mich herum. Diese Menschen geben mir Kraft. Diese Menschen geben mir Halt. Diese Menschen sind einer der wichtigsten Gründe, warum ich mich immer weiterentwickeln, mein bestes Ich sein will. Diese Menschen, die mich so nehmen, wie ich bin, laut, lustig, anstrengend, liebevoll, überdreht, ideenreich und -los, empathisch, begeistert, unflexibel und noch so vieles mehr, sind der Grund, warum ich nicht alles hinschmeissen und weg will.

  1. Who knows, knows. ↩︎

Hinterlasse einen Kommentar