Seit ich weiss, dass mein Gehirn anders funktioniert, als es bei der Norm tut, mache ich mir natürlich viele Gedanken dazu, beschäftige mich mit dem Thema und lerne mich nochmals ganz neu kennen. Etwas stört mich. Der Name dieser Neurodivergenz. AD(H)S, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung. Das H stört mich nicht wirklich, es ist bei mir wohl nicht sehr ausgeprägt, bei anderen aber sehr. Es ist das D, das mich stört (also eigentlich die Kombination AD), weil ich es genau gegenteilig wahrnehme. Lass mich ein wenig ausholen (wer meine Texte schon mal gelesen hat, weiss, dass „ein wenig ausholen“ bei mir bedeutet, dass ich aushole, wie diese Rute oder was auch immer das ist beim Hornussen).
Wenn jemand mit mir unterwegs ist, kann es durchaus vorkommen, dass ich aus dem Nichts: „Nein, so unfassbar!“ (oder Ähnliches), sage und von meiner Begleitung, die nichts sagte, irritierte Blicke ernte, zu Recht. Mit meiner Aussage reagierte ich auf ein Gespräch vorbeilaufender Menschen, die sich gerade etwas meistens sehr Fassbares erzählten, ich habs einfach mitbekommen, als wäre ich angesprochen worden, meine Begleitung nicht. Es gibt nur wenige Menschen in meinem Umfeld, die das verstehen, denen es gleich geht, auch ohne ADHS. Das ist auch der Grund, warum ich nicht gerne in den ÖV telefoniere, weil ich denke, dass tausende Menschen dabei zuhören, da ich das tue, sofern ich keine Kopfhörer drin habe. Dabei höre ich nicht (immer) aktiv dabei zu, sondern oft unabsichtlich mit.
Ich frage mich auch in vielen Situationen „Wie könnt ihr das nicht bemerken?“ Bei Ansammlungen von Menschen, die das Trottoir versperren, obwohl andere durch wollen, Menschen, die beim Self-Checkout dir freie Kasse nicht sehen, die gedankenverloren beinahe andere über den Haufen laufen (hihi, Reim), die kein Wort hören, wenn sie gerade eine Nachricht lesen oder schreiben. Für mich ist das unverständlich, weil selbstverständlich. Ich sehe schon von Weitem, dass diese Person in den nächsten Sekunden an mir vorbei muss, dass die Einkäufe eingepackt werden, höre, dass mit mir gesprochen wird, während ich schreibe (manchmal ignoriere ich es absichtlich). Ich nehme meine Umgebung wahr, praktisch immer und gefühlt vollständig. Mittlerweile weiss ich, dass das nicht bei allen so ist, sogar eher bei wenigen und zum Glück weiss ich mittlerweile auch, warum. Früher machte mir das doch ab und zu zu schaffen, weil ich mich fragte, warum das so ist, es einfach zu akzeptieren, fiel mir zuweilen schwer. Darum stört mich das D. Meine Aufmerksamkeit ist nicht defizitär, au contraire (ziemlich sicher falsch geschrieben, definitiv zu hochgestochen, aber come on, so oft kann ich diesen Ausdruck nicht brauchen), ich sehe eher bei Meschen ohne ADHS oft ein Defizit in der Aufmerksamkeit, bei denen, die die aus meiner Sicht offensichtlichsten Dinge nicht wahrnehmen können. Ich spare mir jetzt zu differenzieren und zu sagen, dass das natürlich nicht auf alle zutrifft und auch nicht so negativ gemeint ist, wie es klingt (hahaha, gut gespart habe ich mir das 😉 ). Mein Defizit liegt in einem anderen Aspekt, im Fokus.
Heute ist mir ein guter Vergleich eingefallen. Der einer Fotolinse, die nur zwei Dinge kann. Diese Linse kann nur entweder in den Makromodus gesetzt werden und den Fokus, die Schärfe, auf einem winzigen Punkt halten. Der tritt ein, wenn ich etwas mache, das mich vollständig einnimmt. Ein gutes Buch lesen, Beats basteln, Schach spielen oder gamen. Dann nehme ich aussenrum effektiv nichts mehr wahr, am wenigsten die Zeit. Oder sie kann in den absoluten Weinwinkel gestellt werden, wobei alles (und dadurch wohl nichts) im Fokus steht. Das ist oft der Fall, sehr oft. In Cafés, auf der Strasse, auf Parties und Konzerten, im Zug und und und. Natürlich auch im Klassenzimmer, wo 22 Kinder Geräusche von sich geben, Bewegungen ausführen, leben halt. Da kommt meine Konstitution (Shout-Out an meine Psychiaterin für diesen Ausdruck) gerade gelegen, ist aber auch ein Hindernis. Gelegen kommt sie, weil ich dadurch fast jeden Unfug sehe, Getuschel höre und potentielle Konflikte oder Fragen mitbekommen, bevor es die Kinder selbst tun. Ein Hindernis ist es, weil es so viele Eindrücke auf einmal sind, die mein Gehirn nicht filtern kann, dass es schnell zur Überbelastung und blödstenfalls zur Übersprungshandlung in Form eines Zusammenschiss(es?) kommen kann. Keine Angst, ich spüre mich gut und merke in vielen Fällen genug früh, wenn diese Überbelastung sich anbahnt, halt nicht immer.
Ob das nun bei allen Menschen mit ADHS so ist oder nicht, kann ich nicht sagen, (unser Quartalstreffen war noch nicht), ich denke es aber nicht. Trotzdem wäre in meinem Fall die Bezeichung FDHS, Fokusdefizit-Hyperaktivitätsstörung, treffender.
Hinterlasse einen Kommentar