Zeit. Sie ist Geld. Sie ist die wertvollste Ressource. Sie ist relativ. Ich kann mich noch erinnern, wie ich als Kind irritiert war, wenn meine Mutter davon sprach, dass etwas „noch nicht so lange her“ war und damit etwas ansprach, das ein Jahr zurücklag. Ich hatte mich darüber empört mit dem achtfachen dieses Noch-nicht-so-lange-hers als Alter. Ewigkeiten, das wäre treffender gewesen! Schulstunden damals, 45-minütige Geduldsproben! Der Minutenzeiger schien sich in Zeitlupe und manchmal rückwärts zu bewegen, wie sollte ich das überleben? Wer konnte das überleben?! Und das 6-mal!! am Tag! Horror! Wer hatte sich das ausgedacht und warum hasste er (oder sie? Naja, ehrlicherweise wohl eher er) Kinder? Ausserdem, wie konnte erwartet werden, dass ich Znüni esse, Fussball spiele und mit meinen Freund:innen sprechen innerhalb dieser Lächerlichkeit, die sich „grosse“ Pause nannte und angeblich 20 Minuten dauerte? Wie genau diese 20 Minuten gerechnet wurden, blieb mir ein Rätsel, wie auch, wie sie es hingekriegt hatten, dass die Zeit in diesem Tagesabschnitt doppelt so schnell lief. Rätsel über Rätsel. Ein weiteres war, wie es nicht als Kindsmisshandlung gelten konnte, dass es soooo wenige Ferien gab?! 13 Wochen?! Hallo?! Wie sollte das gehen? Das sind ja dann so 7 Wochen am Stück in denen ich JEDEN Tag (ausser Samstag und Sonntag, aber das zählt nicht) zur Schule musste! Und, ausser mittwochs, sogar den G-A-N-Z-E-N Tag! Wussten das die Behörden? Und, wussten sie davon, dass es irgendwie möglich war, dass die Ferienwochen nur halb so viele Stunden hatten, wie die Schulwochen? Ein Skandal! Wo blieb da Amnesty International?! Pestalozzi (den müsste ich richtig schreiben können, vielleicht hab ich das, who knows)? Unicef? Der WWF? Mit unschuldigen Kindern kann mans ja machen! Typisch… Am allerschlimmsten war auch die Tortur mit den Fernsehserien. Nur 5 Tage die Woche eine Folge Dragon Ball pro Tag? RTL II, du Hund, was sollte das? Wie ein Drogendealer, süchtig machen und dann rar machen. Frechtheit.
Und heute? Naja, diese Verschwörung mit der halbierten Zeit während den Ferien ist wohl zeitlos und wird weitergezogen, beim Rest hat sich so Manches verändert. Als Kind habe ich einen Tag nach meinem Geburtstag die Tage gezählt bis zum nächsten und hätte schwören können, dass mindestens 30 Schaltjahre gleichzeitig nachgeholt wurden dazwischen. Heute merke ich einen Tag vorher, dass ich ja morgen Geburtstag habe und sage mein Alter mehr in Dekadenschritten geschätzt, als auf den Tag genau. Bei den Schulstunden und der Pause hat es einen direkten Wechsel gegeben. Heute frage ich mich, wie es möglich ist, dass schon 40 Minuten einer Lektion vergangen sind, obwohl ich gefühlt noch bei der einführenden Erklärung bin. In der Pausenaufsicht hingegen frage ich mich eher, wie es sein kann, dass ich seit erst einer Minute auf dem Platz stehe und trotzdem schon 5 Konflikte lösen musste (okay, übertreiben kann ich). Bei den Serien hat sich auch so einiges geändert. 1 Folge pro Woche, 12 Wochen lang? Kein Problem, ich warte. Wäre sonst eh ein bischen (schreibt man das so? Da bin ich gerade völlig überfragt…) viel. Mich fasziniert das. Sehr. Beim Warten auf die Tram (damnit, das hat sich eingebrannt, diese korrekte Schreibweise dieses Fortbewegungsmittels) sind 5 Minuten eine Ewigkeit, in der man eine Abhandlung über den Effekt des Webstuhls auf heutige Influencer:innen schreiben könnte, beim Gamen reicht ein Blinzeln, damit 1 Stunde vergangen ist.
Mittlerweile bin ich mit meinem Zeitempfinden dort, wo meine Mutter stand, als es für mich noch eine grosse Leistung war, dass ich selbst merkte, dass ich zur Toilette muss, also 2020 (hihi, den konnte ich nicht lassen), denn auch ich spreche davon, dass etwas nicht lange her ist und meine 1 1/2 Jahre. Auch sonst, etwas könnte letzte Woche, letzten Monat, letztes Jahr gewesen sein, es fühlt sich ähnlich (wer ähnlich mit h schreibt, ist dämlich, oder?) an. Die Moral des Ganzen? Mein tiefgründiger Schluss? Meine Erkenntnis? Nichts. Absolut nichts. Ich finde es einfach spannend.
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