Information zum Start. Ich habe diesen Text vor fast genau einem halben Jahr geschrieben und doch ist er heute genau so wahr wie damals (bis auf den Beginn, da ist wettertechnisch was gegangen). Weitere Information. Das wird KEIN Happytext….können nicht alle sein. Nun also los!
30 Grad, Sonnenschein (told ya, Wetter stimmt nicht mehr ganz), EM in meiner Lieblingssportart, die Schweiz scheint realistische Chancen zu haben, ganz gut abzuschliessen (war ganz okay, hatte ich doch mehr erhofft), ich habe mir gutes Essen gekauft und habe einen entspannten Abend vor mir. Ich bin den Tränen nah. Wenn du jetzt denkst, dass das ja voll schön ist, dass ich vor Glück fast weinen muss, dann muss ich dich enttäuschen. Es wären Tränen, die aus ganz tiefsitzenden Wunden kommen, die vor rund 20 Jahren zu regelmässig flossen, die Ausdruck von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung sind, es sind bittere Tränen, alte Tränen, eigentlich getrocknete Tränen. Heute wurden sie neu befeuchtet. Ich wurde und werde wohl oder übel ab heute für eine Zeit lang vermutlich regelmässig mit einer Situation bzw. mehreren Situationen konfrontiert werden, die diese Tränen ziemlich sicher befeuern (oder bewässern?) werden. [Anmerkung aus der Zukunft: es wurde dann „glücklicherweise“ sehr schnell, sehr lange ruhig um diese Thematik….bis heute]
So, genug Rumgedruckse, jetzt wird Tacheles (der griechische Gott des Klartexts btw) geredet. Woher stammen diese Tränen? Sie kommen aus einer Zeit in meinem Leben, in der ich mich falsch fühlte, in der ich für mein reines Sein abgelehnt wurde, in der ich machen konnte, was ich wollte und trotzdem nichts erreichte, nicht genügte, nicht dazugehörte. Das Schlimmste daran? Ich wusste nicht, warum und weiss es bis heute nur halbwegs. Es begann mit meinem Eintritt in die Sekundarschule. Zusammen mit dem Schulwechsel kam auch, das Freunde aus der vorherigen Klasse plötzlich nichts mehr mit mir zu tun haben wollten. 5 Wochen Sommerferien haben dazu geführt, dass ich von einem integrierten Teil eines starken Kollektivs, was unsere Klasse war, zur Persona non grata wurde. Aus dem Nichts wurde nicht mehr mit mir gesprochen, ich wurde aktiv ignoriert. Um wieder dazuzugehören versuchte ich die Dinge zu mögen, die die anderen mochten, mich so zu kleiden und zu verhalten, wie es die anderen taten. Es musste ja daran liegen, oder? Das Resultat? Ich wurde als Mitläufer bezeichnet, der nur alles nachmachte. Ich sage nicht beschimpft, weil alles zu subtil war, keine Beleidigungen, keine Gewalt (wenigstens nicht physisch), sondern einfach dieses Gefühl von „Du gehörst hier nicht dazu!“, das mir gegeben wurde. Der Begriff „Mobbing“ existierte damals wohl schon, ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, dass ich gemobbt wurde, es war ja nichts Direktes dabei, ich wurde „nur“ ausgeschlossen. Weh tat es trotzdem. Sehr weh. Ich hatte einfach nur Glück. Glück, dass der beliebteste Junge unserer Klasse mich zu mögen begann, wir unzertrennlich wurden. Bis zum Ende der Schulzeit änderte sich nichts daran, dass frühere „Freunde“ mich ablehnten, ich nicht zu ihnen gehörte, sie wurden mich aber nicht los, weil ich zum beliebtesten Jungen gehörte. Seit damals ist viel Zeit vergangen, vieles hat sich verändert, ich habe einigen verziehen, manche sind heute meine echten Freunde. Und doch, Narben blieben. Glaubenssätze aus dieser Zeit sind noch immer da, manchmal schmerzt es, Ängste werden nach und nach überwunden.
Aufgrund meiner Erlebnisse und der Erlebnisse von viel zu vielen Menschen habe ich folgenden Appell an alle, die das hier lesen oder lesen sollten.
Wenn du Kinder oder Jugendliche um dich herum hast, seien es deine eigenen Kinder, deine Götti- oder Gottenkinder oder was weiss ich, schau hin! Sei für sie da, wenn es ihnen geht, wie es mir ging, nimm sie ernst, gib ihnen Halt. Wenn sie auf der anderen Seite stehen, versuch ihnen zu verstehen zu geben, was ihr Handeln, und sei es auch nicht aus bösem Willen, mit anderen Menschen machen kann. Lass nicht zu, dass sie jemanden diese Narben fürs Leben geben, dass sie Tränen verschulden, die nie vollständig trocknen können. Verurteil sie nicht, sondern hilf ihnen zu besseren Menschen zu werden.
Danke.
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