Schon eine ganze Weile habe ich hier nichts mehr geschrieben (und bereits wieder kommt die Frage, ist „nichts“ eventuell ein Nomen?), ich war aber nicht untätig. Ich schreibe immer noch, schweife immer noch ab und es tut mir immer noch gut, jetzt aber aus anderen Augen. Hier ist ein erster Einblick in eine (hoffentlich) länger andauernde Reihe von Geschichten, die dem Schema „Aus den Augen von…“ folgen. Viel Spass.
Ach du meine Güte, wieso ist hier alles so hell? Und, wo bin ich überhaupt? Und, am wichtigsten, wo ist mein Essen?! Ich brauche Essen, jetzt, sofort! Das kann ja wohl nicht wahr sein, dass ich hier liege, verhungernd, und das niemanden interessiert! «Wäääääh!!!», bringe ich mein Bedürfnis, aus meiner Sicht sehr treffend, auf den Punkt. Diese artikulatorische Meisterleistung wiederhole ich gefühlt für die nächste Stunde einige Male. Was eine Stunde ist? Keine Ahnung. Gemäss meinen Informationen scheint das aber sehr lange zu sein, daher scheint mir dieser Ausdruck zutreffend. Plötzlich passiert etwas. Über mir erscheint ein Gesicht, das mich für einen kurzen Moment alles vergessen lässt. Ah nein, jetzt habe ich es wieder, Hunger! Meines Anliegens wieder sicher, bediene ich mich der bisher funktionierenden Taktik. Dass diese erfolgsversprechend ist, weiss ich mit grosser Wahrscheinlichkeit, denn dieses feine Gesicht gehört zu der Frau, die sich mir des Öfteren schon als «Mami» vorstellte und diesen Hunger bereits stillen konnte. Auf einmal spüre ich etwas, das sich sanft aber haltgebend von der einen Seite um meinen gepolsterten Po und von der anderen um meinen Rücken und Nacken legt. Im nächsten Moment kommt mir dieses lustige Raschelding, das gerade noch über mir baumelte, näher und unter mir fehlt plötzlich diese weiche Unterlage. Ich glaube, ich fliege! Okay, nein, doch nicht, denn jetzt sehe ich durch dieses nasse Zeug in meinen Augen den Rest dieser «Mami»-Frau schräg unter mir. In mir breitet sich ein warmes Gefühl aus. Das passiert irgendwie immer, wenn ich sie sehe. Bei dem Mann mit dem flauschigen Gesicht ebenfalls. Dort gibt’s aber nichts gegen diesen ungeheuerlichen Hunger. Das musste ich bereits schmerzhaft feststellen, als das Flauschgesicht, anscheinend namens «Papi», das letzte Mal über mir erschien und durch das Feingesicht ausgewechselt wurde, als mein Popo nicht roch. Zurück zur Sache, uh Lichter, nein, jetzt wirklich, Fokus. Erfreut sehe ich, dass das Buffet gerade eröffnet wird. Grossartig! Mit diesen wurstigen Dingern, die ganz vorne an mir angemacht sind, greife ich nach den Bällen, die mit der leckeren Flüssigkeit gefüllt sind. Erst vor Kurzem habe ich herausgefunden, dass diese Wurstdinger mir gehören. Crazy! Ich habe mich schon lange gefragt, wer zur Hölle mir die ganze Zeit in die Augen greift, richtig gemein! Als ich mal eines dieser Würstchen erwischte und realisierte, dass sie zu mir gehören, hat mich in eine veritable Viertausendstel-Life-Crisis gestürzt. Mittlerweile kann ich mit den Dingern ganz gut umgehen. Sogar das Flauschgesicht habe ich bereits mal zu fassen gekriegt, er fand das zu meinem Erstaunen sehr lustig und hat mich dafür gelobt. Zurecht. Nun aber fasse ich mit meinen Würstchen nach dieser schönen Frau und beginne auf ihren Armen liegend zu essen. Der ungeheuerliche Hunger verschwindet langsam und mein Bauch fühlt sich ganz warm an. Um zu zeigen, dass ich genug habe, lasse ich den Stöpsel, wo mein Essen rauskommt, los. Wieder werde ich aus dem Nichts noch höher in die Luft gehoben, sehe die weissen Dinger aus dem feinen Gesicht in meine Richtung aufblitzen und die sanfte Stimme raunt ein wenig verschlafen: «Hast du genug gegessen?» Jawohl Mutter, ich bin gesättigt, danke der Nachfrage. Ganz so eloquent klingt das Ganze, mal ausgesprochen gar nicht, denn ich höre mich nur «Brrblbr» sagen. Naja, eher brabbeln, aber die Message scheint trotzdem angekommen zu sein, denn nun folgt das Nach-dem-Essen-Ritual. Ich werde äusserst sanft an dem feinen Gesicht vorbeigehoben und finde mich daneben auf dem Vorsprung wieder. Kaum angekommen, beginnt bereits die Wipperei. Auf und ab und auf und ab und auf und ab. Ähnlich, wie wenn ich im fahrbaren Bettchen durch die Gegend chauffiert werde, aber sehr viel sanfter. Meine kürzlich eingenommene Mahlzeit scheint das Ganze aber nicht so witzig zu finden, wie ich. Ich spüre, wie es in mir drin gurgelt und sich anscheinend ein Ballon aufzublasen beginnt. Der Ballon steigt immer weiter, bis ich ihn nicht mehr in mir halten kann. Mit einem ohrenbetäubenden Rülpser kommt er aus mir raus. Wobei ich zwei Dinge revidieren muss. Erstens war es wohl doch nicht ganz so ohrenbetäubend und zweitens kam kein Ballon raus, sondern nur so glibbriges, weisses Zeugs. Erstes entnehme ich der Reaktion der «Mami»-Frau, die ganz entzückt «Hast du ein Bäuerchen gemacht?» fragt. Zweites sehe ich direkt vor mir auf dem Vorsprung liegen. Ob der erfreuten Reaktion schliesse ich, dass das etwas Gutes sein musste, nichtsdestotrotz ist mir dieses Malheur ungeheuer peinlich. Jetzt nichts anmerken lassen, immerhin bin ich ein Mann und ein Mann zeigt keine Schwäche. Das habe ich mal von einem anderen Flauschgesicht gelernt. Dieses jedoch hatte sehr viel helleren, dreckigeren Flausch im Gesicht und war nicht so freundlich. Er erschien mal über meinem Fahrbettchen, als ich ebenfalls diesen grauenhaften Hunger verspürte. Als er sagte, «Nana, kleiner Mann, schrei nicht so laut. Männer zeigen keine Schwäche», sah ich dort, wo diese weissen Dinger bei «Mami»-Frau sind, einige Lücken und mehr gelb, als weiss. Bei ihm wurde mir nicht warm, sondern eher das Gegenteil, ich hatte mich so erschrocken, dass mir zuerst die Sprache fehlte und danach nicht nur meine Augen, sondern auch mein Popopolster nass waren. «Mami»-Frau fand diesen Flauschi anscheinend auch nicht so toll, da sie ganz laut ganz viel zu ihm gesagt hatte. Seither ist er nie mehr über mir erschienen. Zum Glück.
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